«Meine Arbeit hat etwas Meditatives.»

Antonio Mazzacane arbeitet mit Leder, Stoff und viel Gespür. Als Fachmann für Leder und Textil bringt er im Porsche Zentrum Zug ein neues Angebot ein – und damit ein Handwerk, das Präzision mit Kreativität verbindet. Im Gespräch erzählt er, warum ihn sein Beruf fast schon «meditativ» erfüllt, weshalb er bewusst seinen eigenen Weg gegangen ist – und warum oft ein kleines Detail den Unterschied macht.

Ein ruhiger Raum im 2. Stock des Porsche Zentrum Zug. Warmes Licht, der Geruch von Leder liegt in der Luft. Auf dem Arbeitstisch liegt ein sauber ausgerolltes Stück Stoff, daneben eine schwere, leicht angelaufene Schere. An der Wand hängen Werkzeuge, fein säuberlich aufgereiht. Antonio Mazzacane beugt sich über den Tisch, misst mit ruhiger Hand, setzt die Klinge an und schneidet. Kein hektischer Handgriff, keine unnötige Bewegung. «Irgendwann komme ich in einen Flow», sagt er später. «Dann vergeht die Zeit wie im Flug – und gleichzeitig steht sie still.» 

Antonio, dein Beruf ist alles andere als alltäglich. Wie bist du dazu gekommen?
Eigentlich durch Zufall. Ich wollte als Kind immer etwas mit Tieren machen, am liebsten mit Hunden. Bei der Berufsberatung kam dann plötzlich der Vorschlag Autosattler. Ich wusste damals gar nicht, dass es diesen Beruf gibt. In der Folge absolvierte ich eine Schnupperlehre im einzigen Betrieb weit und breit, der das angeboten hat – und bekam noch am selben Tag die Zusage für die Lehre. Das war ein Glücksfall.

Was hat dich sofort gepackt?
Dass ich etwas mit den Händen erschaffen kann. Dass am Ende des Tages etwas Sichtbares da ist. Und dass die Arbeit nicht nur technisch ist, sondern auch eine kreative Komponente hat. 

Dein Vater war von deiner Berufswahl nicht ganz überzeugt.

Nein (lacht). Er wollte, dass ich eine Bürolehre mache. «Das Büro ist die Zukunft», hat er gesagt. Ich habe mich aber bewusst dagegen entschieden – und darüber bin ich heute sehr froh. 

Warum?
Weil ich genau das mache, was mir entspricht. Ich glaube, man spürt das auch in der Arbeit. Und inzwischen freut sich auch mein Vater darüber. 

Wie ging es nach der Lehrzeit weiter?
Bald nach meiner Ausbildung erhielt ich die Chance, bei der AMAG eine interne Sattlerei aufzubauen. Das waren spannende 16 Jahre, weil ich viel selber gestalten konnte. Nebenbei habe ich auch als Dellendrücker gearbeitet – das ergänzt sich gut.

Was fasziniert dich am «Dellendrücken»?
Es ist extrem präzise. Man arbeitet von innen oder mit Spezialwerkzeugen und bringt das Blech wieder in Form – ohne zu lackieren. Wenn die Arbeit gut gemacht ist, sieht man am Ende nichts mehr. Das hat fast etwas Magisches.

Wie ging es nach deiner Zeit im grossen Autohaus weiter?
Ich habe mich selbständig gemacht und in Au am Zürichsee die Sattlerei eines älteren Herrn übernommen. Der Betrieb war damals stark auf Motorräder ausgerichtet, was mir gefallen hat. Ich fahre selber seit meiner Jugend Motorrad.

Was für Arbeiten hast du dort gemacht?
Da war alles dabei: klassische Lederarbeiten, aber auch sehr spezielle Projekte – vor allem für Motorradsättel. Oft für klassische Bikes, bei denen die Besitzer grossen Wert auf Individualität legen. Da kamen dann auch ausgefallenere Materialien zum Einsatz, etwa Krokodil-, Schlangen- oder Rochenleder. Das ist eine Szene mit vielen Liebhabern – und damit gar nicht so unähnlich zur Porsche Welt. 

Wie hat sich dein Tätigkeitsfeld danach entwickelt?
Irgendwann konnte ich grössere Räumlichkeiten in Cham übernehmen, was mir die Möglichkeit bot, wieder vermehrt mit Autos zu arbeiten. Gleichzeitig war ich als Auftragnehmer für die AMAG tätig. Das war eine intensive, aber unglaublich lehrreiche Zeit.

Und was führte dich schliesslich zum Porsche Zentrum?
Die AMAG hat dann einiges umstrukturiert und für mich fielen dann viele Aufträge weg. Das war ein Einschnitt, der mich dazu zwang, mich neu zu orientieren. Ich habe spontan mit dem Porsche Zentrum Zug Kontakt aufgenommen – und siehe da: Es hat sofort «gematcht»! Zuerst war ich zu 50 Prozent angestellt, dann habe ich meine Firma komplett integriert. Dass ich meine Manufaktur inklusive Inventar einbringen konnte, ist wirklich einzigartig.

Was können Kundinnen und Kunden konkret erwarten?
Sehr viel Individualität. Wir können Sitze neu beziehen, Innenräume gestalten, Materialien kombinieren – von klassisch bis modern. Man kann zum Beispiel einen Sportsitz mit einem Vintagestoff kombinieren oder ein Interieur komplett neu denken. Und wir gehen auch auf ganz individuelle Wünsche ein, die vordergründig gar nichts mit dem Auto zu tun haben: Wenn jemand etwa eine Dokumentenmappe im gleichen Retrostoff möchte wie im eigenen Classic Porsche, dann setzen wir auch das um.

Wie gehst du an solche Projekte heran?

Ich höre zuerst zu. Versuche herauszufinden, was die Kundin oder der Kunde wirklich will. Manchmal ist das gar nicht so klar formuliert – dann mache ich Vorschläge. Oft auch visuell, mit Bildern. Nicht selten treffe ich damit ins Schwarze. Dann heisst es seitens des Kunden vielleicht: «Genau das habe ich gesucht – ich wusste es nur noch nicht.» (lacht)

Was fasziniert dich bis heute an deinem Beruf? 

Es ist ein Handwerk – für mich fast schon ein Kunsthandwerk. Mir tut es einfach gut, die Ideen, die in mir drin sind, physisch umzusetzen. Das hat manchmal fast etwas Meditatives. Wenn ich arbeite, bin ich komplett bei der Sache, alles andere tritt in den Hintergrund. Ich kann mich hier kreativ ausleben, was ich als riesiges Privileg empfinde.

Du hast den «Flow» angesprochen. Wie fühlt sich das konkret an?

Schwer zu beschreiben. Die Zeit spielt keine Rolle mehr. Alles läuft fast von alleine – und gleichzeitig ist man extrem fokussiert. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Hilft dir etwas, in diesen Zustand zu kommen? 
Ja, Musik. Ich höre oft meditative Musik über die Anlage. Das hilft mir, ruhig zu werden und mich komplett auf die Arbeit einzulassen.

Du arbeitest sowohl an klassischen als auch an modernen Fahrzeugen. Gibt es einen Favoriten?
Nicht wirklich. Mich reizt vor allem die Kombination. Wenn man in ein modernes Fahrzeug ein Vintageelement einbringt, entsteht oft etwas ganz Eigenes. Diese Kontraste finde ich unglaublich spannend; sie eröffnen gestalterisch ganz neue Möglichkeiten.

Wie wichtig sind Details in deinem Beruf?
Extrem wichtig. Am Ende entscheiden oft die kleinen Dinge.

Du wirkst sehr feinfühlig in deiner Arbeit. 
Das hat sicher auch mit mir als Person zu tun. Ich habe mich immer schon für Zusammenhänge interessiert – nicht nur technisch, sondern auch menschlich. Deshalb habe ich auch eine vierjährige Ausbildung in Astrologie gemacht. Diese Erfahrung hilft mir, Menschen besser zu verstehen. 

Wie sieht dein Leben ausserhalb der Werkstatt aus?

Sehr vielseitig. Ich koche zum Beispiel sehr gerne – die italienische Küche hat mich stark geprägt. Gleichzeitig verbringe ich gerne und viel Zeit zuhause. Ich wohne in einem alten Haus, das ich mit viel Liebe eingerichtet habe, mit vielen Designerstücken. Vieles mache ich selber, sogar die Vorhänge habe ich genäht.

Du hast auch einen Camper.

Ja, den habe ich mir selber aufgebaut – ein älteres Fahrzeug, das ich zu einem günstigen Preis vom Militär übernehmen konnte. Mit Solarzelle und allem Drum und Dran. Damit gehe ich gerne in die Natur, manchmal alleine, manchmal mit meiner achtjährigen Tochter. Das ist für mich Freiheit. Und auch meine Leidenschaft für Motorräder ist geblieben. 

Inwiefern?
Ich bin früher Motocross gefahren, heute habe ich ein Rallyebike. Im November geht’s vielleicht nach Marokko in die Wüste, wenn alles klappt – darauf freue ich mich sehr. 

Gibt es sonst noch einen Traum, den du dir erfüllen möchtest?
Einen eigenen Porsche – am liebsten ein älteres Modell. Aber ich habe keinen Stress. Solche Dinge müssen sich richtig anfühlen. Und wer weiss: Vielleicht findet das passende Auto ja irgendwann den Weg zu mir. Das Universum wird es schon richten.